Montag 05.08.2019

Stolpersteinverlegung für Karl Dornseifer

Ein Mord bleibt unvergessen

Der Stolperstein.

Stolpersteinverlegung für ein Kreuztaler Opfer des Naziterrors

Heute, auf den Tag genau vor 86 Jahren, am 5. August 1933, wurde ein SPD-Mitglied, der zweiundvierzigjährige Invalide Karl Dornseifer in der Nordstraße, heute Ecke „Zum Ameisenberg / Glückauf Straße“, unterhalb des Kreuztaler Friedhofes von dem SA - Mann Karl Pfeifer erschossen. Jetzt erinnert ein Stolperstein an ihn.

Der SPD-Fraktionsvorsitzende Karl Heinz Schleifenbaum begrüßte die zahlreichen Teilnehmer der Verlegung. Bürgermeister Walter Kiß erinnerte in seiner Ansprache an den Mord des Kasseler Regierungspräsidenten vor einigen Wochen. Er zeige, dass wie 1933  ein Mord aus politischer Verblendetheit heraus auch heute wieder möglich sei. Kiß zeigte die sprachliche Verrohung in den sozialen Netzwerken auf, die von politischen Gruppierungen am rechten Rand der Gesellschaft scheinbar erfolgreich genutzt werde, Einzelfälle aufnehmend ihr politisches Süppchen zu kochen. Wie die Besucher auch habe er Angst davor, dass diese Art der Auseinandersetzung  in Deutschland mehrheitsfähig werde. Nachdem Stefan Knipp vom Baubetriebshof den Stein in den Gehweg eingelassen hatte, ergriff der Kreuztaler Pfarrer Thies Friederichs das Wort. Er zitierte das Bibelwort aus dem Johannesevangelium f, das sein Amtsvorgänger August Wehmeier 1933 bei der Beerdigung des Mordopfers verwendet hatte. "Herr, wärest du da gewesen, mein Bruder wäre nicht gestorben!" Es gehöre schon Mut dazu in einem  von Repression und Angst geprägten Umfeld deutliche Worte zu finden. Friederichs rief alle Bürgerinnen und Bürger dazu auf im privaten und beruflichen Umfeld nicht ängstlich zu schweigen und dem Handeln Jesu, Missstände beim Namen zu nennen, zu folgen.

Die Verlegung des Stolperstein für Karl Dornseifer endete mit einem Gebet und der Kranzniederlegung durch Karl Heinz Schleifenbaum und Jochen Schreiber vom SPD-Fraktionsvorstand.

Die Geschehnisse vor 86 Jahren lassen sich wie folgt zusammenfassen:

Es war ein Samstagabend, als Täter und Opfer in Ernsdorf zusammentrafen. Karl Dornseifer, geboren am 9.9.1891 in Weidenau, von Beruf Blechschlosser, war als Schwerkriegsbeschädigter aus dem Ersten Weltkrieg zurückgekehrt. Da er seinen Beruf nicht mehr ausüben konnte, arbeitete er als Händler. 1923 heiratete er Hedwig Münker aus Kreuztal. Das Paar hatte einen Sohn und wohnte in einem kleinen Haus, das auf dem Gelände des heutigen Kreisels Ernsdorfstraße / Ameisenberg stand. Karl Dornseifer war bis zum Betätigungsverbot gegen die Sozialdemokraten am 22. Juni 1933 Mitglied der SPD und als Gegner der Nationalsozialisten bekannt. Sein Gegenüber, der Monteur Karl Pfeifer, geboren am 13.1.1894 in Weidenau und erst 1930 nach Kreuztal gezogen, war ein „Alter Kämpfer“. Sein Eintritt in die NSDAP erfolgte am 1.3.1932 unter der Mitgliedsnummer 1009574.

Es zwischen einundzwanzig Uhr dreißig und zweiundzwanzig Uhr auf der Wiese in der Kreuztaler Flurabteilung „am Ameisenberg“, Flur 2, Nummer 1386/77 wohl zunächst zu einem Wortgefecht zwischen den beiden Männern gekommen. Oberkreisdirektor Dr. Erich Moning, 1932 Amtsbürgermeister in Kreuztal, schilderte am 24. März 1953 an Eides statt seinen Kenntnisstand. Das SPD Mitglied Dornseifer habe geäußert, es wolle ein in einer Verlosung gewonnenes Führerbild mit Bretter einer Margarinekiste einrahmen und es auf den Abort hängen. Pfeifer habe erwidert, jemand vom Schlage Dornseifers müsse verschwinden. Danach habe er Karl Dornseifer zunächst in den Bauch und dann in den Kopf geschossen um sicher zu gehen, dass die „gewollte Wirkung“ erzielt werde.

Pastor i.R. August Wehmeier, 1933 Pastor in Kreuztal und Fellinghausen, erzählte im November 1984 Ferndorfer Hauptschülern von der Beerdigung Karl Dornseifers. Diese fand am 9. August 1933 um halb drei Uhr nachmittags statt. Der Trauerzug begann beim Wohnhaus in der Ernsdorfstraße, die damals „Adolf-Hitler-Straße“ hieß. Die SA hielt zur Einschüchterung während der Beerdigung auf dem friedhofsnahen Schießstand eine Schießübung ab und versuchte den Pastor von einer zu scharfen Beerdigungspredigt abzuhalten. Wehmeier nahm jedoch kein Blatt vor den Mund und stellte seine Predigt unter den Text aus dem Johannes Evangelium Kap. 11, Vers 21: (Da sprach Martha zu Jesus) „Herr wärest du hier gewesen, mein Bruder wäre nicht gestorben!“

Dr. Moning erzählt auch vom weiteren Verlauf der Mordsache. Der SA-Führer und Architekt Paul Giesler aus Siegen, später Gauleiter der NSDAP von Westfalen-Süd, dann auch von München-Oberbayern, habe den Mörder Pfeifer noch am selben Tag in der Zelle des Polizeigefängnisses besucht. Die SA-Männer hätten sich mit den Worten „Treue um Treue“ und Handschlag begrüßt. Giesler forderte später das Todesurteil gegen die Mitglieder der „Weißen Rose“ öffentlich zu vollstrecken und wurde von Hitler am 29. April 1945 als Nachfolger Himmlers zum neuen Reichsminister des Innern ernannt.

Der Mörder Pfeifer wurde im Dezember 1933 vom Schwurgericht Arnsberg zu zweieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt, kam aber schon nach kurzer Zeit frei und wurde danach als Kammerwart in der Sportschule der SA in Hamm beschäftigt. Auch dort wurde er durch Waffengebrauch auffällig, wie seine Personalakte im Bundesarchiv verrät. Sein Mord an Karl Dornseifer in Kreuztal ist allerdings nicht in dieser Akte vermerkt. Karl Pfeifer verstarb vor Kriegende.